Habt den Mut, inkonsistente Charaktere zu erschaffen

Vor einigen Jahren (genauer: Dezember 2013) habe ich mich in einem Schreibforum angemeldet. Das war damals – für mich – noch recht frisch, aber scheinbar hat sich schon aus einer alten Zeit vor dem Forum eine Community entwickelt, in der ich die Neue war. Vermutlich war ich darum die einzige Person, die eine bestimmte Schreibaufgabe wörtlich genommen  hat.

Die Aufgabe lautete:

GEH AUF FIGURENJAGD!

[…]
Nimm dir diesen Monat an einem Tag ein paar Stunden Zeit und begib dich an einen öffentlichen Ort, an dem du ungestört beobachten kannst. […]

Entscheide dich für eine Person, die dir besonders spannend erscheint. Beschreibe sie so genau wie möglich. Wie sieht sie aus? Was hat sie an? Frage dich, warum sie sich so gekleidet hat. Wo kommt sie her? Wo geht sie hin? Spiel ein wenig Sherlock Holmes. Was verrät ihr Aussehen über ihr Leben? Wovon träumt sie? Wovor hat sie Angst? Was sucht sie? Was ist ihr aktuelles Bedürfnis und was ihre größte Sehnsucht?

Habe ich gemacht. Und zwar, indem ich während einer Busfahrt die Frau beobachtet habe, neben die ich mich gesetzt habe und dabei einfach alles, was ich sehe und was mir dabei durch den Kopf geht, in mein Handy geschrieben habe. Wirklich alles. Ungefiltert.

Zu Hause habe ich über den Text noch ein bisschen drüberpoliert und ihn dann im für die Übung eingerichteten Unterforum veröffentlicht.

Neben mir sitzt eine junge Frau im Kopftuch, nicht viel älter oder jünger als ich. Ihre Haare sind sorgfältig darunter versteckt, das Gesicht rund und weltoffen. Ihr Profil abgesenkt auf ein kleines, weißes Smartphone, liest sie etwas bei Facebook.
Gruppe „Marokko“. Die meisten Postings in arabischer Schrift, die ich nicht lesen kann.
Sehnst du dich nach deiner Heimat?
Ich traue mich nicht zu fragen. Wer weiß, ob sie mir meine Neugier nicht übelnimmt, ihre Körperhaltung ist gesammelt, sie sitzt ein wenig zum Fenster gewandt. Wer so dasitzt, möchte meist nicht angesprochen werden … Sie blickte schon nicht sehr begeistert drein, als sie für mich ihren Schal näher an den Körper ziehen musste, damit ich mich nicht aus Versehen draufsetze.
Oder ist es nur eine vage Sehnsucht nach einem Ort, den du kaum kennst, an den sie sich vielleicht nicht mehr erinnert und nach dem sich ihr Herz sehnt?
Ich weiß, dass ich nicht mehr oder nur indirekt von ihr spreche, ich übertrage, zusammengereimt aus halben Beobachtungen, es ist ja mein Herz, das in Odessa schlägt. Obwohl ich mich kaum bis gar nicht an die Stadt erinnere, außer in den seltenen Momenten, in denen Popcornduft die Luft erfüllt …

Und ist es bei Beobachtungen nicht immer so? Ist der andere nicht immer eine Leinwand? Keine völlig leere allerdings, sondern eine mit ein paar vorgegebenen Strichen. Doch nie so vielen, dass ein Malversuch nicht doch ein Selbstportrait ergibt. Nur wer den anderen gut kennt, ist in der Lage, Ich und Du zu trennen, die Betrachtung eines Fremden endet doch immer mit einer Selbstprojektion.
Wir steigen gemeinsam aus und in den selben Bus um, doch sie sucht sich einen Sitzplatz außerhalb meiner Sichtweite und ich will nicht dadurch auffallen, dass ich sie physisch oder auch nur mit den Blicken verfolge. Kann ich ihr doch nicht sagen, dass ich ihr nichts Böses will, mich lediglich in einem anderen Ich spiegeln möchte.

Als sie aussteigt, rührt es mich. Ich lächle ihr nach und denke mir: „Da geht es hin, noch eins meiner Ichs. Ins Unbekannte.“

Auf diesen kleinen, philosophischen Stream of consciousness bekam ich viel Feedback. Meist positives, durchaus auch die eine oder andere Kritik. Ich freute mich oder gelobte Überarbeitung. Manche Statements haben mich verblüfft.

Eins davon war das hier (im Originalwortlaut zitiert, gekürzt):

Eine kleine freche Bemerkung kann ich mir nicht verkneifen: Deine protagonistin (ich) ist am Anfang sehr neugierig und m.E. auch taktlos, dass sie so genau auf das fremde Handy schaut. Später hat sie soviel Feingefühl, die Frau noch nicht einmal mit Blicken zu verfolgen. Hier „beißen“ sich für mich ein wenig die Charkaterzüge deiner HP.

Öhm.

Ich wusste damals gar nicht, was ich darauf antworten sollte. Es gibt in diesem Text kaum eine Trennung zwischen Autorin und Protagonistin. Ich habe wirklich einfach nur in „Evernote“ alles niedergeschrieben, was mir beim Beobachten der jungen Frau durch den Kopf ging. Und ja, ich habe auf ihr Handy geschaut, weil ich ja mein eigenes beim Tippen auf den Knien hatte und mich so dem Blick auf ihr Handy gar nicht wirklich entziehen konnte, selbst wenn ich es gewollt hätte.

Da hat also jemand behauptet, meine Charakterzüge würden sich beißen. Damals war ich nur verletzt von dieser Aussage (und ein wenig hilflos). Jetzt, vier Jahre später, begreife ich, dass die Person völlig Recht hatte und dass es gut so ist.

Mein Schlüsselbund

Mein SchlüsselbundDas ist der Grund dafür, dass ich meinen Frieden mit der Aussage im Feedback geschlossen habe. Mein echter, authentischer Schlüsselbund, an Weihnachten fotografiert.

Von unten nach oben:

  • ein „Galaxiehase“ aus Resin
  • ein Regenbogeneinhorn
  • Kylo Ren, der Antagonist aus „Star Wars“, Episoden 7 und 8

Okay. Hase und Einhorn kann man sich noch irgendwie an einem Schlüsselbund vorstellen, aber schon Kylo Ren fällt hier hoffnungslos raus. Er ist der „Böse“, das Farbschema stimmt auch nicht und überhaupt. Wenn man dann noch weiß, dass ich in 95% der Fälle alles verabscheue, das pink ist, wird allerdings auch das Einhorn zu einem Objekt, das man in Frage stellen muss. Und wer nicht über bestimmtes biografisches Wissen verfügt, wird sich auch fragen, wieso ich ausgerechnet einen Hasen mit blauer Tinte wollte.

Aber das alles bin ich.

Ich bin die Frau, die sich einen Hasen anfertigen ließ, einen „Galaxiehasen“, wie ich ihn liebevoll nenne, als Hommage und Erinnerung an eine mir liebe, verstorbene Person. Und ich bin die Frau, die trotz der Antipathie gegenüber einer Farbe von einer grundsympathischen Kollegin ein Geschenk auf der Frankfurter Buchmesse annimmt und SOFORT befestigt. Und die gerührt ist, als sie ausgerechnet Kylo als Schlüsselanhänger bekommt.

Weil das alles Aspekte sind, die mich ausmachen, obwohl sie auf den ersten Blick kein bisschen zusammenpassen.

  • Ich bin die, die am liebsten alles erneuern würde, aber gleichzeitig an Traditionen festhält. Und an Menschen.
  • Ich bin ein Einhorn – ich kann gar nicht ausdrücken, wie sehr dieses Fabelwesen mich anspricht. Es ist selten, es zeigt (öffnet?) sich nur einigen wenigen Menschen, die sein wahres Wesen erfassen dürfen. Und auch wenn es hübsch und harmlos aussieht, ist es doch auch gefährlich.
  • Und ein bisschen bin ich auch Kylo Ren, in gewissem Sinne. Nein, nicht, weil ich irgendetwas tue, was er getan hat, aber aus Gründen. Und Episode acht hat mich noch bestärkt (nur kann ich hier nichts dazu schreiben, ohne zu spoilern, vielleicht editiere ich nächstes Jahr diese Stelle).
  • (Ich hätte noch sehr gerne einen Anakin an meinem Schlüsselbund, der einen weiteren Aspekt von mir symbolisieren würde)

Warum müssen Romanfiguren schlüssig sein?

Menschen sind es auch nicht. Zumindest nicht auf die Art schlüssig, auf die eine konstruierte Figur es ist. Da passt alles zusammen, wie in einem Puzzle. Auffälliges Verhalten trifft auf ein konkret benennbares, die Handlung mitsteuerbares Trauma oder auf irgendein Ereignis, das im Prolog geschildert wird. Charaktere haben ihre Ecken und Kanten, aber es sind immer genau die richtigen Ecken und Kanten, damit alles zusammenpasst.

Aber so sind Menschen nicht. Sie sind keine „Rubiks Cubes“, bei denen sich auf allen Seiten die richtige Farbe ergibt, wenn man nur lange genug dreht. Auch ein Megaminx ist nicht komplex genug: Menschen sind Kaleidoskope. Eine winzige, unabsichtliche Drehung und alles fällt in sich zusammen in einem völlig anderen und doch ähnlichen Bild.

Aus einer Kurzschlusshandlung heraus können sie Dinge tun, die auf den ersten Blick völlig bescheuert wirken. Nicht die Dinge, die man erwartet hätte, weil sie doch passgenau zu ihnen passen würden. Tun sie aber nicht. Weil unendlich viele Details und Faktoren unberücksichtigt bleiben müssen.

Das Konstruieren von Figuren

Ich bin immer wieder überrascht, wenn beispielsweise auch in Gruppen auf Facebook Fragen nach dem Konstruieren aufkommen. Beispielsweise in Form von „Was ist das Schwierigste für euch am Konstruieren von Figuren?“ – denn was man konstruiert, wird selbst nach sorgfältigster Verschleierung immer konstruiert wirken.

Klar, man kann ihnen ein Grundgerüst geben. Habe ich auch getan, als ich im Camp NaNo eine Figur würfeln musste. Alter, Name, aktueller Wohnort, Aussehen. Aber dann habe ich ihn in meine Romanwelt gesetzt und ihn angestupst, den dabei entstandenen Mann. Und geschaut, wo er hingeht. Im NaNo-Roman hat er mir verraten, dass er eine traumatische Vergangenheit hatte. Oh, wusste ich gar nicht, jetzt muss ich nur noch herausfinden, worin die besteht, ich habe nämlich keine Ahnung.

Man kann bis zu einem gewissen Grad eine Figur vorbereiten – aber damit sie nicht wie eine konstruierte Marionette wirkt, muss man sie irgendwann loslassen, oder? Und ihr zugestehen, in sich in dem einen oder anderen Aspekt widersprüchlich zu sein.

Wie seht ihr das? Stört es euch, wenn Charaktere in Büchern zu konstruiert wirken? Wie gehen die Autor*innen unter meinen Leser*innen beim Figurenbau vor?

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17 Gedanken zu “Habt den Mut, inkonsistente Charaktere zu erschaffen

  1. Ich kann offen und ehrlich sagen: ich bin ein echter Fan von diesem Post. Er hat genau den verwirrenden und unterschwingenden Part meines Gehirns getroffen, der schon seit einer Weile im Hintergrund gespielt wird. Besonders der Bezug zum Konstruieren von Figuren hat mit mir resoniert, da ich gerade selber dabei bin, eine Geschichte zu schreiben und mir immer wieder sagen muss, dass meine Charaktere (wie Menschen) nicht nur durch eine bestimmte Eigenschaft definiert sind. Man ist nicht nur mutig oder frech oder freundlich. Man kann alles davon sein. Gleichzeitig, nacheinander. Anders aufgenommen je nachdem aus welcher Perspektive es angesehen wird. Menschen sind vielfältig – in allen Bereichen.

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  2. Ein Text zum drüber Nachdenken, dankeschön.
    Meine Vorredenerinnen haben fast alles gesagt, was ich auch gedacht habe. Jedenfalls kam mir noch ein Zitat aus Good Omens in den Sinn: „Most of the great triumphs and tragedies of history are caused, not by people being fundamentally good or fundamentally evil, but by people being fundamentally people.“ (Die großen Triumphe und Tragödien der Geschichte stammen nich daher, dass Menschen grundsätzlich gut oder grundsätzlich böse sind, sondern dass Menschen grundsätzlich Menschen sind.)

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  3. Wie wahr, wie wahr. Ich musste schmunzeln über diese Inkonsistenz. Gut, dann bin ich eben inkonsistent. Ich gucke auch ( ganz unauffällig natürlich ), was Leute mit ihrem Handy machen, wenn sie so sitzen, dass man es einfach sehen m u s s. Trotzdem bin ich immer viel zu schüchtern, um jemanden einfach so anzusprechen. Ich beobachte gern Leute unterwegs und manchmal findet etwas davon Einzug in eine Figur.
    Manchmal ist das inkonsistente Verhalten doch konsistent, nur kann das nicht jeder erkennen.
    Da fällt mir ein Beispiel direkt aus dem Leben ein:
    Ich bin von Natur aus ein hilfsbereiter Mensch und ich helfe und vermittle auch gern, wenn ich merke, dass jemand Schwierigkeiten mit der Sprache hat.
    Aber: Einmal half ich nicht sofort, ich musste erst von meinem Mann dazu aufgefordert werden. „Nun mach doch mal!“ Warum? Es war auf einer Bahnfahrt, und vorausgegangen war ein sehr langes Handytelefonat in russischer Sprache, wo seeeehr private Dinge zur Sprache kamen – in der sicheren Gewissheit, dass es im Abteil ohnehin keiner versteht. Ich wusste, wenn ich jetzt russisch mit der Frau rede, dann weiß sie, dass ich alles, was sie da vorhin am Telefon gesagt hat, verstanden habe – und es würde ihr sehr peinlich sein … ( War es auch, aber die Schaffnerin war so was von erleichtert. )

    Eisbergtheorie trifft es genau.
    Es gibt viele Dinge über eine Figur, die der Leser möglicherweise nie erfahren wird, aber der Autor muss sie wissen. Sie haben alle eine Biographie, aber wir begegnen ihnen ja in einem bestimmten Abschnitt ihres Lebens und verfolgen sie dann weiter. Im echten Leben sehen wir ja auch nur das, was einer gerade tut und bekommen keine Begründung dafür geliefert und keinen Lebenslauf. Klar tun Menschen widersprüchliche Dinge, eben weil sie Menschen und keine Maschinen sind. Mal ehrlich – wären alle Handlungen immer logisch und typisch – es wäre doch entsetzlich langweilig.
    In einem Krimi, den ich gerade lese, verhält sich eine Figur wie ein A- loch und man möchte sie schon in Schublade „absoluter Unsympath“ stecken, da bringt er es doch fertig, seine Kollegen um Entschuldigung zu bitten und echt zerknirscht zu sein – schon schaut man ihn als Leser ganz anders an.
    Wir wollen ja keine konstruierten Figuren, sondern lebendige, also: Es lebe die Inkonsistenz?!

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    1. Das mit der russischen Sprache hätte genau so auch mir passieren können!

      Und du hast es erfasst – man sieht immer nur einen Ausschnitt. Und eine gute Romanfigur ist für mich dann gut, wenn ich das Gefühl habe, die hatte ein Leben vor dem Plot und lebt auch weiter, wenn ich gerade nicht hingucke. Dann atmet sie.
      (Ich glaube, vor Jahren habe ich was Ähnliches über Orte für die Weltenschmiede geschrieben, muss ich mal schauen …)

      Und ich liebe es, wenn Figuren dann auf einmal verblüffen <3.

      Genau das. Es lebe die Lebendigkeit – und somit die Inkonsistenz! :D

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  4. Liebe Evanesca,
    das ist ein richtig toller Beitrag. :) Gerade diese Feststellung „Aber so sind Menschen nicht. Sie sind keine „Rubiks Cubes“, bei denen sich auf allen Seiten die richtige Farbe ergibt, wenn man nur lange genug dreht.“ bringt die Sache in meinen Augen auf den Punkt.

    Der Charakter eines Menschen kann aus so vielen verschiedenen Facetten bestehen, dass einige von ihnen auf den ersten Blick nicht zu den anderen zu passen scheinen. Aber viele von ihnen hängen dennoch irgendwie zusammen, bilden das große Ganze, das jeden von uns so einzigartig (und manchmal auch eigenartig – im positiven Sinn) macht.

    Als ich mit dem Schreiben begonnen habe, habe ich mir tatsächlich viel Zeit genommen, meine Figuren zu konstruieren. Ich habe einfach verschiedene Zutaten zusammengemischt, die mir nützlich erschienen – und hatte am Ende eine Figur, die vorne und hinten nicht funktioniert hat.

    Schreiben dreht sich im Grunde genommen immer um das menschliche Leben in all seinen Facetten. Texte sind etwas Organisches, sie wachsen und entwickeln sich. Charaktere, die am Ende authentisch wirken sollen und nicht wie blutleere Schablonen, sollten mit der Geschichte wachsen.

    Liebe Grüße,
    Anna

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    1. Hallo Anna,

      Vielen, vielen Dank!

      Es ist genau das: Klar ergeben die verschiedenen Facetten am Ende genau einen Menschen :D. Und ich mag das „Eigenartig“, da rechne ich mich als Autorin, die sich mit sowas befasst, einfach mal dazu. Das war ja genau das, was ich mit meinem Schlüsselbund ausdrücken wollte – Einhörner, Hasen und Kylo Ren gehören genauso (für mich) zusammen, wie das Starren auf ein Smartphone und das NICHT-starren, wenn sich jemand bewusst von mir wegsetzt.

      Das selbe Ergebnis wie du hatte ich übrigens auch – und dann habe ich angefangen, mit den Figuren RPGs zu machen und alles änderte sich.

      Genau das, liebe Anna! Genau das. Charaktere sollten wachsen, sollten reifen und sich ein paar Marotten zulegen dürfen, die auf den ersten Blick willkürlich wirken.

      Liebe Grüße,
      Evanesca / Katherina

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  5. Toller Beitrag :)
    Ich sehe das genau wie du. Und gerade gestern bekam ich ein Feedback, das lautete:
    „Wieso erzählt A denn bitte B, dass er jemanden umbringen will? Er kennt ihn doch gar nicht!“
    Da ich mittlerweile ebenfalls einen tiefen Frieden mit solchen Kommentaren geschlossen habe, war meine Antwort:
    „Wieso denn nicht? A ist eben so drauf.“
    Viele Leser/Menschen gehen oft von ihrem Standpunkt aus. Würden sie etwas nicht tun, ist es unlogisch, dass ein anderer so etwas tut. Davon darf man sich meiner Meinung nach nicht einlullen lassen.

    Ich bin froh, zu lesen, dass es anderen geht wie mir.
    Danke dafür :)

    Loki

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    1. Danke schön!
      Ja, wenn es in der Natur von A liegt, Fremden zu erzählen, wen er töten will, dann ist das eben so :D.
      Für mich ist der Maßstab inzwischen gar nicht „Würde ich das tun?“ sondern „Ist es aus der bisherigen gezeigten Figurenentwicklung logisch, dass Reaktion x für Person A zu einer der möglichen Reaktionen auf Ereignis y gehört?“ Wenn da ein Bruch erzielt wird, kann das auf verborgene Intentionen von Autor*innenseite hinweisen – oder auf eine Stelle, wo man die Figur für den Plot zurechtgebogen hat :D. Da bin ich als Lektorin inzwischen sensibilisiert, den Unterschied zu erkennen.
      Und genau – davon darf man sich nicht beeinflussen lassen, sonst wären ja alle Romanfiguren gleich (oder wie man selbst. Gruselig.)

      Gefällt 1 Person

  6. Sehr guter Text, ich habe beim Lesen sehr viel genickt. Und es stört mich tatsächlich, wenn ich beim Lesen den Finger darauf legen kann, dass und wie eine Figur konstruiert worden ist. Diese Art von Charakteren wirken oft ziemlich leblos, und Schema F macht nur dann Spaß zu lesen, wenn der Autor es mit originellen Einfällen auffrischt und seine eigenen Twists mit einbringt

    Das „Konstruieren“ von Figuren hat bei mir noch nie funktioniert – zumindest nicht für Hauptfiguren. Wenn ich versucht habe, irgendwas an meinen Figuren zu konstruieren, haben sie sich schlichtweg geweigert, sich schreiben zu lassen. Stattdessen brauchen sie Zeit, um zu reifen – vielleicht auch, um mir genug zu vertrauen, dass sie mir mehr über sich verraten. Wie du schon sagst: Ein Gerüst ist schön und gut. Aber Figuren bekommen, finde ich, erst dann Authentizität, wenn sie eine Eigendynamik entwickeln dürfen. Bei authentischen Figuren gibt es dann durchaus Widersprüche in Handlungen und Eigenschaften. Aber genau das ist es doch, was uns letztlich an „echten“ Figuren fasziniert.

    Andererseits sind Charaktere eben Figuren, keine realen Menschen, und es kommt immer darauf an, was man denn nun wirklich erzählen will. Ob alles, was man über die Figur weiß, auch wirklich in den Text muss – oder ob man sich dann nicht vielleicht selbst dabei behindert, die Figuren klar genug zu zeichnen. Das finde ich besonders bei Nebenfiguren schwierig, über die ich meist viel mehr weiß als für die Geschichte nötig ist – aber Nebenfiguren sind ohnehin noch mal eine Baustelle für sich.

    Viele liebe Grüße!

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    1. Oder wenn man einfach auf Schema F steht. Es gibt ja Leser*innen, die nehmen es übel, wenn z.B. in einem Liebesroman die Protagonistin nicht zu 100% zuckersüß und sympathisch ist. Sie darf nur „liebenswerte“ Schwächen wie Tollpatschigkeit haben. (Oder, wenn man etwas tolerant ist, auch verfressen sein wie Bridget Jones ^^). Aber keine echten Laster.
      Das ist durchaus interessant …

      Haha, das kommt mir so bekannt vor, Isa. Bei mir hat mal eine Figur das ihr zugedachte Loveinterest abgefackelt ;-). Und die, die ich eigentlich als evil Overlady angelegt habe, ist jetzt meine Herzensfigur geworden. So viel dazu.
      Genau das. Sie müssen reifen und dann die Chance haben, sich zu bewähren. Dann klappt das schon.
      Und du hast Recht. Vielleicht haben mich darum immer die gebrochenen, die kaputten, die oft antagonistischen Figuren immer mehr interessiert als die Strahlemanns. Sie wirkten echter.

      Ach, ich bin ja Fan der Eisbergtheorie. Im Text muss ich nicht erzählen, wieso die Figuren wie reagieren und dass irgendein Verhalten darauf zurückzuführen ist, dass sie mit zwölf traumatisch erfahren haben, dass es keine Zahnfee gibt. Aber für mich ist wichtig, dass ICH das weiß und mit diesem Wissen sowohl im Kopf als auch im Herzen aus dem Bauch heraus eine Reaktion der Figur schreiben kann, die diesen Umstand spiegelt, ohne ihn je zu nennen. Da will ich hin.
      Bei mir hat jede Figur ein Ticket zur Hauptfigur oder zumindest zum POV, von daher behandle ich alles, was nicht „Statist Nummer drei vom Marktplatz“ ist, ungefähr gleich :D

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